Kaum ein anderer deutschsprachiger Philosoph hat die Philosophie des 20. Jh. so maßgeblich geprägt, wie der in Meßkirch geborene Martin Heidegger. Sein Hauptwerk „Sein und Zeit“ zählt zu den Klassikern der Philosophie.
Seine Hauptkritik an der ihm vorausgegangenen abendländischen Philosophie war die, dass seiner Ansicht nach seit den Vorsokratikern mehr oder weniger alle Denker das konkret Seiende mit dem Sein an sich identifizierten. Sie untersuchten immer nur das Seiende, ohne das Sein zu betrachten. Aus diesem Grund sprach Heidegger von der Seinsvergessenheit.
Der Unterschied zwischen Sein und Seiendem ist der, dass das Sein die sinnhafte Totalität alles konkret Seienden ausmacht. Wer das Sein nur als etwas Gegenwärtiges betrachtet, so wie die Dinge im Moment sind, blendet etwas Wesentliches aus, denn Sein ist nur durch seine zeitlichen Bezüge von Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft verstehen.
Ab den 30er Jahren vollzog Heidegger einen Richtungswechsel in seinem Denken, den er selbst die Kehre nannte. Er richtete seinen Fokus nicht mehr so sehr auf den Sinn des Seins, sondern darauf, wie sich dieses Sein von sich selbst her dem Menschen zeigt.
Damit der Mensch diese Selbstoffenbarung des Seins erfahren kann, muss er gelassen werden und sich öffnen. Er muss in eine andere Haltung seinem eigenen Dasein gegenüber kommen. Diese existentielle Dimension seines Denkens trug sicherlich zu seiner Popularität entschieden mit bei.
Den alltäglichen Daseinsmodus, der nicht durch Offenheit gekennzeichnet ist, bezeichnet er als Gestell. So wie der Jäger das Wild stellt, so stellt der Mensch die Wirklichkeit. Der Mensch versucht sie zu fassen, zu verdinglichen. Dazu bedient er sich des vor-stellenden Denkens, also eines Denkens, das nur zur Objektivierung fähig ist.
Mit dieser Objektivierung von Wirklichkeit verliert er jedoch die existentielle Dimension des Daseins aus dem Blick.
Was Heidegger selbst jedoch bei aller Genialität aus dem Blick verlor, bzw. nicht bereit war in den Blick zu nehmen, war sein eigenes Verhältnis zum Nationalsozialismus. Heideggers Wert als Philosoph kann darin gesehen werden, dass er betrieb, was er von der Philosophie forderte, nämlich sich zu Denken geben lassen.
Katharina Ceming, September 2015
im Philoskop über Martin Heidegger, geboren 26. September 1889 (gestorben 1976)
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Prof. Dr. Dr. Katharina Ceming ist außerplanmäßige Professorin an der Universität Augsburg sowie freiberufliche Seminarleiterin und Publizistin. Nach ihrem Studium der katholischen Theologie und Germanistik an der Universität Augsburg und einer Promotion im Fach Philosophie zu Meister Eckhart und Johann Gottlieb Fichte, habilitierte sie 2002 in Fundamentaltheologie mit einer Studie zur mystischen Theologie im Christentum, Hinduismus und Buddhismus. Im Anschluss an eine dreijährige Professorentätigkeit an der Universität Paderborn erwarb sie im Jahr 2009 mit einer Arbeit über das Verhältnis von Menschenrechten und Religionen noch einen theologischen Doktortitel. Mit ihrer Fähigkeit, komplexe Sachverhalte auch interessierten Laien nahezu bringen, gelang es ihr, in ihrer mehr als zehnjährigen Lehrtätigkeit unterschiedliche Personen- und Altersgruppen für philosophische und spirituelle Fragen zu begeistern.
Bei Street Philosophy bloggt Katharina Ceming in unserem Philoskop einmal im Monat über einen Philosophen der in dem entsprechenden Monat Geburtstag hat.
Am 22. September fragt uns Prof. Dr. Dr. Katharina Ceming beim Street Philosophy Abend in München „Etwas stoische Gelassenheit gefällig?“.
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