„Man kommt nicht als Frau zur Welt, man wird es.“
In Zeiten, in denen über die genetischen und biologischen Unterschiede von Männern und Frauen diskutiert wird, erscheint die Aussage von Simone de Beauvoir wie ein Anachronismus. Und dennoch hat sie aller biologistischen Diskussionen zum Trotz nichts von ihrer Bedeutung eingebüßt.
De Beauvoir erkannte, wie stark gesellschaftliche Vorstellungen, die von einer herrschenden Gruppe (und das sind seit Beginn der Schriftkultur in nahezu allen Kulturen Männer gewesen) getragen und tradiert werden, die Lebensweise der Anderen, in diesem Fall der Frauen, bestimmen und formen. De Beauvoirs Ansicht nach, wurde das Frausein immer in der Abhängigkeit vom Mann definiert. Der Mann bestimmt sich als das Subjekt und definiert die Frau als das Andere, das Objekt.
Mit der Überzeugung, dass bestimmte Aspekte nicht so sehr von Natur aus so sind, sondern gemacht sind, hat De Beauvoir etwas Richtiges gesehen. Wer wir sind und wie wir agieren, hängt eben nicht nur von unserer Persönlichkeit und Genetik ab, sondern ebenso von gesellschaftlichen Strukturen und kulturellen Werten bzw. Überzeugungen, denen sich niemand so einfach entziehen kann. Werden diese Vorstellungen und Prägungen über Jahrhunderte tradiert, werden sie als etwas Faktisches betrachtet, das dann als unveränderlich, weil naturhaft betrachtet wird. Die Wirklichkeit ist scheinbar so.
Das Bedeutendste an de Beauvoirs These ist aber, dass sie damit nicht nur etwas Genderrelevantes beschreibt, sondern ein gesamtgesellschaftliches Thema von höchster Relevanz. Denn Zuschreibungen der Mehrheitsgesellschaft Minderheiten gegenüber, prägt nicht nur deren Bild, sondern zu einem gewissen Grad deren Verhalten.
Wer als der ganz Andere betrachtet wird, fühlt sich irgendwann auch ganz anders.
Katharina Ceming, Januar 2015
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Dr. Dr. Katharina Ceming ist außerplanmäßige Professorin an der Universität Augsburg sowie freiberufliche Seminarleiterin und Publizistin. Nach ihrem Studium der katholischen Theologie und Germanistik an der Universität Augsburg und einer Promotion im Fach Philosophie zu Meister Eckhart und Johann Gottlieb Fichte, habilitierte sie 2002 in Fundamentaltheologie mit einer Studie zur mystischen Theologie im Christentum, Hinduismus und Buddhismus. Im Anschluss an eine dreijährige Professorentätigkeit an der Universität Paderborn erwarb sie im Jahr 2009 mit einer Arbeit über das Verhältnis von Menschenrechten und Religionen noch einen theologischen Doktortitel. Mit ihrer Fähigkeit, komplexe Sachverhalte auch interessierten Laien nahezu bringen, gelang es ihr, in ihrer mehr als zehnjährigen Lehrtätigkeit unterschiedliche Personen- und Altersgruppen für philosophische und spirituelle Fragen zu begeistern.
Bei Street Philosophy bloggt Katharina Ceming einmal im Monat über einen Philosophen der in dem entsprechenden Monat Geburtstag hat.
Simone de Beauvoir: geb. 09. Januar 1908 (gest. 04. April 1986)