Wir enden unser Philoskop nicht mit einer Geburtstagserinnerung, sondern passend zum Jahresende mit einem Todestag. Am 10. oder 11. Dezember des Jahres 1198 verstarb einer der größten arabischen Philosophen, der wie kaum ein anderer das abendländische Denken im Hochmittelalter beeinflusste.
Averroes wie ihn der lateinisch sprachige Westen nannte, war Arzt, Richter und Philosoph. Durch seine starke Fokussierung auf die Vernunft geriet er mehrmals in seinem Leben mit der islamischen Orthodoxie in Konflikt.
Berühmt wurde er auch in der christlichen Welt durch seine Kommentare zu Aristoteles, den er für den größten aller Philosophen hielt. Besonders die aristotelische Logik hatte es dem Andalusier angetan. Mit ihr versuchte er die Fragen der Welt zu beantworten und geriet fast zwangsläufig mit der orthodoxen Koranauslegung in Konflikt.
Eine der am heftigsten bekämpften Thesen war die, dass die Welt ewig sei. Diese Vorstellung widersprach nicht nur dem biblischen, sondern auch dem koranischen Schöpfungsverständnis.
Aber auch Averroes Ansicht, dass die individuelle Einzelseele eines jeden Menschen sterblich sei und nur die universelle Vernunft unsterblich, brachte ihn in Konflikt mit den religiösen Autoritäten seiner Zeit, den muslimischen wie den christlichen. Einer der größten Widersacher des Averroes auf christlicher Seite war Thomas von Aquin.
Für Averroes war die Rangfolge zwischen Religion und Philosophie klar. Nur die Philosophie repräsentiert die Wahrheit unverstellt, weshalb sie den Vorrang vor der Religion genieße.
Die Religion kleidet diese Wahrheit immer in Bilder ein, die man interpretieren müsse.
Was Averroes zu einem wichtigen Denker auch in unseren Tagen macht, ist sein Insistieren auf der Vernunft als entscheidendem Kriterium, ob etwas stimmt oder nicht. Religiöse Wahrheiten sind eben nur so lange gültig, wie Menschen sie für wahr befinden.
Katharina Ceming, Dezember 2015
im Philoskop über Ibn Rushd - Averroes (gestorben im Dezember 1198)
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Prof. Dr. Dr. Katharina Ceming ist außerplanmäßige Professorin an der Universität Augsburg sowie freiberufliche Seminarleiterin und Publizistin. Nach ihrem Studium der katholischen Theologie und Germanistik an der Universität Augsburg und einer Promotion im Fach Philosophie zu Meister Eckhart und Johann Gottlieb Fichte, habilitierte sie 2002 in Fundamentaltheologie mit einer Studie zur mystischen Theologie im Christentum, Hinduismus und Buddhismus. Im Anschluss an eine dreijährige Professorentätigkeit an der Universität Paderborn erwarb sie im Jahr 2009 mit einer Arbeit über das Verhältnis von Menschenrechten und Religionen noch einen theologischen Doktortitel. Mit ihrer Fähigkeit, komplexe Sachverhalte auch interessierten Laien nahezu bringen, gelang es ihr, in ihrer mehr als zehnjährigen Lehrtätigkeit unterschiedliche Personen- und Altersgruppen für philosophische und spirituelle Fragen zu begeistern.
Bei Street Philosophy bloggt Katharina Ceming in unserem Philoskop einmal im Monat über einen Philosophen der in dem entsprechenden Monat Geburtstag hat.
Im Februar 2016 spricht Prof. Dr. Dr. Katharina Ceming über das Thema „Gelassenheit“ im Kitzbühel Country Club. Seien Sie mit dabei!