Warum überhaupt moralisch sein?

Was ist überhaupt Moral?

Was ist überhaupt Moral? Sie ist eine Sammlung von Werten, Normen und Idealen, die uns einen Leitfaden für die Gestaltung unseres Lebens bietet. Damit ist sie ein Orientierungssystem, das in jeder Gesellschaft existiert; ihre Existenz ist eine anthropologische Konstante, d.h. sie ist im Wesen des Menschen verankert. In der Geschichte verschmolz sie mit den mythischen und den religiösen Gebräuchen. Moral beruhte auf Tradition und wurde von ihr quasi legitimiert.

Später folgte man nicht mehr nur den Sitten der Vorfahren, sondern entwarf überdachte Regeln zum Verständnis der Welt und zur richtigen Lebensführung. Das ist der Übergang zum philosophischen Denken und zur Ethik. Ludwig Wittgenstein bezeichnete Ethik als „was wirklich wichtig ist“. Es geht Wittgenstein darum „den Sinn des Lebens zu erkunden, zu untersuchen, was das Leben lebenswert macht, oder zu erforschen, welche die rechte Art zu leben ist.“

Moral und Ethik geben eine formative Orientierung für das menschlichen Leben und unser Handeln. Sokrates meinte: „Denn das Gute wird bei uns Menschen weit überwogen von dem Übel“, und fragte wie man unter solchen widrigen Umständen so leben kann, dass man ein gelingendes Leben führt. Die Moral der Antike basierte auf der Moral des Individuums und lastete auf dem Einzelnen, damit er herausfindet zu welcher Art Mensch er sich machen soll, um ein glückliches Leben zu führen.

Die Moral der Moderne dagegen dient dem Schutz und der Interesse anderer, und wirkt damit dem Egoismus von Individuen entgegen. Dadurch definiert sie den Spielraum unseres „gerechten“ Tuns. Diese Moralvorstellungen müssen neben rechtlichen und religiösen Normen bestehen, die sich gelegentlich gegenseitig aufheben. Hier werden wir gefordert kritisch zu hinterfragen, und unser Gewissen zu Rat zu ziehen. Wir müssen wissen, dass die Einschränkungen und Verbote dort anfangen, wo man anderen Menschen Unrecht oder Leid zuführen würde. Wir gewinnen jedoch als Individuen durch unser moralisches Verhalten; es ermöglicht uns allen unbehelligt unser Leben zu führen, wenn alle in der Gesellschaft diese Normen respektieren. Respekt scheint sich zu einem altmodischen Begriff mutiert zu haben, aber im Grunde genommen, geht es gerade um Respekt gegenüber dem Fremden, dem Anders-Denkenden, dem Schwachen und Hilflosen. Es geht um Respekt für das Leben insgesamt, nicht nur unser Leben als Menschen, sondern um das Leben der Tiere und der Natur, mit denen wir diesen Planeten teilen dürfen.

Wir sollten dankbar sein, dass wir dem Moralbegriff unserer freiheitlichen Gesellschaften folgen dürfen, und nicht in der Knechtschaft unmoralischer und unrechtmäßiger Staatssysteme um unsere Werte und Ideale kämpfen müssen. Es geht um unsere moralische Ausrichtung als Individuen und um die ethischen Werte unserer Gesellschaft. Beide sind es wert, sie hoch zu halten, und sie zu verteidigen.

 

Julia Kalmund, Juni 2017

Street Philosophy ist Philosophie für jedermann und durchaus als Lebenshilfe zu verstehen. Wir diskutieren über Fragen, die uns alle bewegen und suchen mit Hilfe der Philosophie gemeinsam nach möglichen Antworten und anderen Perspektiven.

 

Pic by @shesnorookie