Diesen Satz schreibt die Tradition Heraklit (einem der frühen großen Philosophen im Abendland; Blütezeit um 500 v. Chr.) zu.
Er selbst formuliert es anders, präziser:
„Man kann nicht zweimal in denselben Fluss steigen.“
Das macht die Sache, um die es geht, schon deutlicher. Das Beispiel des Flusses stellt uns unsere Situation in der Welt vor Augen. Deswegen lohnt es sich hier zu verweilen und nachzudenken.
Betrachten wir z.B. an einem Fluss, so tun wir eigentlich etwas Unmögliches. Denn der Fluss verändert sich ständig. Das Wasser fließt heran und fließt fort, sagt Heraklit. Wie können wir aber bei etwas verweilen, was sich ständig ändert, d.h. nicht es selbst bleibt? Hier passt etwas nicht zusammen.
Noch schlimmer wird es, wenn wir auf uns selbst blicken. Auch wir verändern uns ständig, bleiben nie dieselben. Wir bewegen uns ununterbrochen. Selbst im Tiefschlaf atmen wir. Unsere Gedanken kommen und gehen. Sogar physisch bleiben wir nicht dieselben. Denn die Zellen unseres Körpers werden (statistisch gesehen) im Laufe von vier Jahren komplett ausgetauscht. Uns geht es nicht besser als dem Fluss. Wir sind selbst auch nicht zu fassen, sowenig wie der Fluss. Und doch ist der Fluss der Fluss und wir sind wir!
Hier wird deutlich, dass „alles fließt“ nur einen Aspekt unserer Wirklichkeit beschreibt.
Den Fluss, den wir im Winter zugefroren sahen, besuchen wir im Frühjahr wieder, wenn er wieder fließt. Das Wasser ist zwar ein anderes, und wir haben uns auch verändert. Und doch sehen wir uns als dieselbe Person wie im letzten Jahr und den Fluss als den bestimmten Fluss, den wir wiedererkennen. In „ihn“, denselben, können wir, „dieselben“, immer wieder steigen.Wir müssen also bei unserem Blick auf die Wirklichkeit immer zwei Seiten beachten: zum einen den Wechsel und Wandel und zum anderen die Konstanten in diesem Wechsel.
Manfred Negele, Juli 2015
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Dr. Manfred Negele ist Privatdozent für Philosophie an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Augsburg. Er studierte Theologie und Philosophie an den Universitäten Augsburg und München (LMU). Promotion (über G.W.F. Hegel) und Habilitation (über Plotin) in Philosophie. Er hatte über viele Jahre Lehraufträge in Benediktbeuern, Eichstätt und Graz. Von 2006-2009 hatte er eine Professur-Vertretung in Augsburg. Die letzten Jahre war er vor allem in der Ausbildung künftiger Ethiklehrer tätig. Publiziert hat er zu den Themen: Metaphysik, Mystik, Mythos, Theologie/Philosophie und Naturwissenschaften.
Philosophie lebt für ihn – im Anschluss an Platon – vor allem im Dialog. Philosophie ist für ihn eine Erfahrungswissenschaft, wobei der Erfahrungsbegriff weiter gefasst wird, als es heute üblich ist. Erfahrung ist hier vorrangig geistige Erfahrung, die den Körper einbegreift.
Gibt es wirklich „Konstanten“ oder handelt es sich dabei nicht nur um noch langsamere Veränderungen, die in Bezug auf unseren unmittelbaren Erfahrungshorizont nur konstant erscheinen? Damit fließt alles!