Werte

Alles was uns verbindet...

Auszüge aus dem Buch “Werte – Von Plato bis Pop” von Peter Pranger…

Peter Pranger promovierte mit einer Arbeit zur Philosophie und Sittengeschichte der Aufklärung. Der Durchbruch als Romanautor gelang ihm mit “Das Bernstein-Amulett”. Er schrieb außerdem eine Kulturgeschichte der europäischen Neuzeit in Gestalt von drei Romanen:
“Die Principessa”, “Die Philosophin” und “Die Rebellin“.

Die einleitenden Texte von Peter Pranger zu seinem Buch mögen vielleicht hie und da überholt oder nicht mehr zutreffend erscheinen. Seine Thesen sind aber nach wie vor gültig. Er möchte uns aufrütteln, damit wir uns auf unsere Europäische Werte besinnen, damit wir uns dessen mehr bewusst werden, wieviel Stärke wir gemeinsam haben. Er zeigt uns in seiner Anthologie, wie reich unsere westliche Kultur ist, wieviel wir ihr zu verdanken haben.

 

In diesen Tagen, wenn Griechenland sich gerade in der Erholungsphase befindet, macht uns Italien Kopfschmerzen, oder sogar ein wenig Angst mit den Parolen der Extremisten, ob von links oder rechts, die unsere Werte in den Schmutz ziehen wollen. Umso wichtiger, dass wir uns dessen mehr bewusst werden, was für ein Privileg es ist, Europäer zu sein. Wir sind aufgerufen unsere Werte nicht nur zu verteidigen, sondern auch zu leben. Wir haben eine Verantwortung, auch für die künftigen Generationen von Europäern. Die Aristokratie hatte früher einen Ausdruck für ihre Verantwortung in der Gesellschaft: „noblesse oblige“

 

Alles was uns verbindet oder ein Kontinent in unserer Seele…

 

  1. WIR EUROPÄER

Haben wir noch alle Tassen im Schrank? Da bellt ein amerikanischer Minister wüste Beleidigungen über den Atlantik – und was tun wir? Anstatt ihn daran zu erinnern, dass sein großes Amerika nur ein Ableger eben jenes Europas ist, das er so übel beschimpft, knallen wir die Hacken zusammen und fragen, womit wir zu Diensten sein dürfen.

Haben wir noch alle Tassen im Schrank? Da sagen uns fundamentalistische Fanatiker den Kampf an, weil wir in ihren Augen „Ungläubige“ sind – und was tun wir? Anstatt sie zur Rede zu stellen, entschuldigen wir uns für unsere Aufklärung, weil diese angeblich zu ihren Verbrechen provoziert.

Haben wir noch alle Tassen im Schrank? Da raunen selbsternannte Gurus dunkle Worte vor sich hin oder malen rätselhafte Zeichen auf Seidenpapier – und was tun wir? Anstatt mal wieder in die „Zauberflöte“ oder in „Macbeth“ zu gehen, üben wir in Volkshochschulkursen das heilige „Om“ und richten unsere Wohnungen nach Feng -Shui-Prinzipien ein.

 

  1. KONTINENTALE WIDERSPRÜCHE

Was sind wir Europäer für Menschen? Während andere Kulturen ihre Identität bis aufs Blut verteidigen. Manche sogar versuchen, der ganzen Welt ihren Stempel aufzudrücken, zeigen wir so wenig Profil, dass man nicht mal Witze über uns machen kann. Schließlich setzt jede Karikatur ein Mindestmaß an Kontur voraus.

Dabei haben wir den geringsten Grund, uns vor anderen Kulturen zu verstecken. Immerhin haben wir Himmel und Erde entdeckt, das Universum und die Kontinente der Welt. Wir haben die Demokratie und den Rechtsstaat erfunden, den Humanismus und die Menschenrechte, die Gleichheit von Mann und Frau, die Evolution und die Entropie, den Leistungssport und die soziale Marktwirtschaft, die perspektivische Malerei und den Goldenen Schnitt, die Polyphonie und die Popmusik, das Absolute und die Relativitätstheorie. Ja wir haben es sogar geschafft, das Papsttum und die Reformation, die Mystik und die Aufklärung, den wissenschaftlichen Gottesbeweis und den wissenschaftlichen Atheismus hervor- und unter den Hut zu bringen.

Bräuchte die Welt also eine europäische Leitkultur? Natürlich nicht, so wenig wie ein amerikanische oder arabische oder chinesische oder australische. Wenn jemand eine europäische Leitkultur braucht, dann höchstens wir Europäer. Denn was immer wir vollbracht haben – wir haben fast immer zugleich auch das Gegenteil vollbracht. Mit der fixen Idee, uns die Erde untertan zu machen, haben wir Weltreiche erbaut und Weltreiche zerstört. Unser Machbarkeitswahn hat Wunderwerke der Technik ermöglicht und zugleich die Natur ruiniert. Unser Glaube an den Heiligen geist hat zu den herrlichsten Abstraktionen von Philosophie und Mathematik geführt, doch in unserer Sucht, die Welt rational zu durchdringen, haben wir uns von den idealistischsten Ideen zu den idiotischsten Ideologien verstiegen: Nahezu alle „Ismen“ dieser Welt entstammen dem europäischen Geist, und die haben bekanntlich mehr Schaden als Nutzen angerichtet.

Nein, wir halten uns nicht fürvollkommener als andere Kulturen. Im Gegenteil. Wir sind problematisch, wir sind schwierig, wir sind kompliziert – vor allem sind wir widersprüchlich. Aber das ist nicht unsere Schwäche, sondern unsere Stärke. Denn alles, was wir Europäer je zustande gebracht haben, verdanken wir unserer inneren Widersprüchlichkeit, dem ewigen Zwiespalt in uns selbst, dem ständigen Hin und Her von Meinung und Gegenmeinung, von Idee und Gegenidee, von These und Antithese.

 

  1. PIAZZA EUROPA

Alle suchen nach Werten, dabei sind sie längst da. Sie werden in Europa buchstäblich zu Markte getragen – seit über zweitausend Jahren.

Den Anfang machte Sokrates. Wenn er nicht mehr weiterwusste, setzte er sich auf den Marktplatz seiner Heimatstadt Athen und sprach Passanten an, um sie in ein Gespräch zu verwickeln. Was ist Wahrheit? Was ist Gerechtigkeit? Was ist das Gute?, wollte er wissen, um im Dialog mit oft wildfremden Menschen Antworten auf seine Fragen zu finden. In diesem Wechselspiel von Gedanken entstand eine Denkform, die wir Dialektik nennen, das Prinzip von Rede und Gegenrede, auf dem nicht nur die europäische Philosophie beruht, sondern in der zugleich die ganze europäische Lebensart ihren besonderen Ausdruck findet.

Diese dialektische Kultur hat in Europa ihren natürlichen Ort. Verglichen mit anderen Kontinenten ist unser Erdteil ja nichts anderes als ein etwas groß geratener Marktplatz. Nirgendwo sonst auf der Welt drängen sich so viele Völker und Kulturen auf einem so eng begrenzten Raum. Seit Jahrhunderten und Jahrtausenden begegnen sich auf dieser Piazza die unterschiedlichsten Menschen mit den unterschiedlichsten Meinungen, stets voller Neugier darauf, in der Kontroverse die allzu engen Grenzen ihrer geographischen und gedanklichen Provinzen zu überschreiten. Zusammen haben sie ein Kultur der Gegensätze geschaffen, eine Kultur der produktiven Spannungen, die bis heut unsere Eigenart bestimmt.

 

Auszüge aus dem Buch “Werte – Von Plato bis Pop” von Peter Pranger.  
Lesenswert!

 

 

Pic by @shesnorookie