Versteckt

... Verborgen!

„Die für uns wichtigsten Aspekte der Dinge sind durch ihre Einfachheit und Alltäglichkeit verborgen“, schreibt Ludwig Wittgenstein in seinen Philosophischen Untersuchungen unter der laufenden Nr. 129.

Das klingt nach einer Lebensweisheit wie man sie von schlechten Kalenderblättern kennt. Irgendwie hochtrabend, aber schrecklich banal. Doch bei Wittgenstein steckt mehr dahinter. Er eröffnet uns hier das Wesen der Philosophie, seiner Art zu philosophieren.

Ein philosophisches Problem oder ein philosophisches Rätsel entsteht daraus, dass wir das Einfache und Alltägliche übersehen, eben weil es so selbstverständlich ist. Damit übersehen wir aber etwas, das wichtig ist oder sein könnte.

Bei der Lösung eines philosophischen Problems verfallen wir dann auf anderes, das vielleicht nicht so wichtig, aber offensichtlich ist. Nur weil es offensichtlich ist, schreiben wir ihm – arglos, aber auch bedenkenlos – eine größere Bedeutung zu als ihm eigentlich zukommt. So entsteht eine Philosophie, die dem Blick auf einen Eisberg gleicht, der an der Wasseroberfläche bleibt und nicht erfasst, was sich darunter abspielt.

Um die wichtigen Aspekte der Dinge zu entdecken, muss die Philosophie sich für das Einfache und Alltägliche empfindlich machen! Doch das ist leichter gesagt als getan. Das Einfache und Alltägliche entzieht sich naturgemäß unserer Aufmerksamkeit. Es verbirgt nicht allein die wichtigsten Aspekte der Dinge sondern eben auch sich selbst. In seiner Einfachheit und Alltäglichkeit ist es selbst unsichtbar.

Das Einfache und Alltägliche ist aber nicht wie hinter einer undurchsichtigen Wand verborgen. Es gleicht eher einer Schrift, die wir nicht zu entziffern verstehen,von der wir vielleicht sogar nicht einmal wissen, dass sie lesbar ist, weil wir sie nur für ein Muster halten.

Philosophieren heißt für Wittgenstein, das Leben lesen lernen und dadurch zu entdecken.

 

Karsten Thiel, Februar 2018

Dieser Blogbeitrag des Philosophen und Autors Dr. Karsten Thiel ist zuerst im Februar 2015 bei Street Philosophy® erschienen.

„Ein philosophisches Problem hat immer die Form: Ich kenne mich nicht aus.“
Aus dieser Einsicht Wittgensteins leitet Dr. Karsten Thiel zwei Fragen ab, die jeden von uns zum Philosophieren bringen können:
1. Kenne ich mich wirklich so gut aus, wie es mir vielleicht immer vorkommt? – und
2. Wie kann ich mich selbst orientieren?

Am 16.02.2018 können Sie Dr. Karsten Thiel persönlich bei Street Philosophy® kennenlernen.
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Art by @sarashakeel