Sprache

ist Heimat...

Simone Weil schrieb in 1942, ein Jahr vor ihrem Tod, folgendes:

“… for any man, a change of religion is as dangerous a thing as a change of language is for a writer.”

Man wird Schriftsteller nicht im Abstrakten sondern in der Beziehung zu einer Sprache. Wenn man schreibt dann lässt man Wurzeln in die Sprache wachsen und je besser man schreibt, desto tiefer gehen die Wurzeln. Entwurzelung für Schriftsteller die ins Exil gehen, oder aus der Heimat verbannt werden, geht immer Hand in Hand mit der Angst die eigene Sprache und damit die eigene Identität zu verlieren.

Sprache ist ein Instrument durch das wir die Welt erleben, und nicht nur ein Werkzeug um seine Gedanken ausdrücken zu können. Philosophisch gesehen, muss man sich neu erfinden wenn man in einer anderen Sprache schreibt. Wir nehmen die Welt anders wahr, je nach Kultur und je nach Sprache. Wenn wir die Sprache wechseln, müssen wir uns erstmal bildlich “ausziehen”, um uns dann neu wieder einzukleiden.

Man tauscht sein Leben ein, man wechselt Mentalität gegen Mentalität, Ausdrucksweise gegen Ausdrucksweise, Sichtweise gegen Sichtweise. Nicht nur Schriftsteller, wir alle werden von unserer Sprache geprägt. Die neue Sprache, derer wir uns bedienen, ist wie eine Neugeburt. Dieses ontologische Versprechen der Erneuerung kann betörend sein.

Ich komme aus dem finno-ugrischen Sprachraum, meine Muttersprache ist Ungarisch. Meine sprachliche Heimat jedoch ist das Englische. In 1957 sind wir dorthin geflüchtet. Sicher zunächst unbewusst, ermöglichte mir die englische Sprache mich neu zu erfinden. Das geht immer mit einer gewissen Entfremdung von der ursprünglichen Kultur einher; ein gewisses Leugnen der eigenen Herkunft.

Das Englische, die Sprache und die Mentalität, haben in mir etwas zum Schwingen gebracht, und mich seitdem nicht mehr losgelassen, obwohl ich auch lange im romanischen Sprachraum gelebt habe und Französisch genauso gut spreche. Ich lese und schreibe immer noch am liebsten auf Englisch.

Man sagt, dass viele, die in einer Sprache schreiben die nicht ihre Muttersprache ist, ein sehr feines Gefühl und eine Empfindsamkeit für die Nuancen der “fremden” Sprache entwickeln. Vielleicht ist es der Blick von außen, eine gewisse Unbefangenheit. Man spürt, dass etwas ganz Neues durch neue Ausdrucksweisen, neue Blickwinkel und selbst neue Bedeutungen entstehen.

Man kommt langsam an, und fasst Mut um wieder Wurzeln wachsen zu lassen. Die neue Sprache wird zur Heimat, man kann sich niederlassen, es sich bequem machen und schreiben und schreiben, damit die Gedanken in die Welt gelangen.

 

Julia Kalmund, Februar 2018

In Budapest geboren, ist Julia Kalmund als Kind gemeinsam mit ihren Eltern, anlässlich des Aufstandes in Ungarn, nach England geflüchtet. Von England zog es sie zum Studium nach Genf und anschließend gemeinsam mit ihrem Mann nach New York. Seit Anfang der 70er Jahre lebt Julia nun in Deutschland. Ungarisch, Englisch, Französisch und Deutsch beherrscht sie fließend in Wort und Schrift. Nur wenn sie früher ihre Kinder schimpfen wollte, versagten plötzlich  – zur Belustigung ihrer Kinder – alle Sprachen ganz… 

Lesen Sie hier einen weiteren Beitrag von Julia Kalmund zum Thema “Sprache“.

 

 

Art by @sarashakeel