Ich bin mir nicht sicher

Ich weiss es einfach nicht...

Wir möchten immer und für alles Antworten. Wir wollen stets wissen, was Sache ist; bloß keine Zweideutigkeiten. Wir meinen, dass uns eine allgültige Wahrheit zusteht.

Wir leben ja in Zeiten, in denen wir augenblicklich und unmittelbar an Informationen herankommen. Und Information ist im Grunde genommen das woraus unsere Welt besteht.

In Platons Phaedo sagt Sokrates, dass er glaubt, dass die Erde eine Kugel sei. Er fügt jedoch hinzu: “Ich bin mir nicht sicher”. Was für ein Eingeständnis. Sokrates gibt zu, dass das Wissen seiner Zeit Grenzen hat.

Das Bewusstsein, dass die Gültigkeit von Informationen und von wissenschaftlichen Thesen und Theorien immer begrenzt ist, sollte uns stets begleiten. Wir dürfen uns irren! Das macht uns neugierig, das lässt uns forschen und lernen. Wir bleiben offen für Neues und können falsche Ansätze hinter uns lassen. Dieses Bewusstsein macht uns demütig, weil wir uns nicht blind auf Vergangenes verlassen. Wir verlassen uns nicht auf das Wissenserbe unserer Ahnen. Was würden wir Neues entdecken, wenn wir meinten schon alles entdeckt zu haben?

Hätten Einstein, Newton oder Kopernikus einfach ihren Vorfahren vertraut, hätten sie nichts hinterfragt, und hätten nicht unser Weltbild so radikal verändern können. Hätte niemand gezweifelt, würden wir heute noch Pharaonen huldigen, und in dem Glauben leben, dass die Erde eine Scheibe auf dem Rücken einer riesigen Meeresschildkröte sei.

Anaximander und Demokrit aus Abdera haben vor mehr als 2500 Jahren erstaunlich weitsichtige Thesen zur Beschaffenheit des Universums aufgestellt. Sie hatten weder die Zahlen zur Hand, noch die Möglichkeit zu experimentieren. Sie haben beobachtet und abgewogen. 2500 Jahre später haben die viele von uns noch immer nicht das erforderliche mathematische Wissen oder den Zugang zu Gleichungen und Laborversuche. Wir können jedoch beobachten und abwägen. Wir müssen nichts für “bare Münze” nehmen.

Demokrit hat für damalige Zeit eine etwas seltsam anmutende Definition vom Menschen aufgestellt: “Der Mensch ist alles, was wir wissen”. Heute erscheint uns das nicht ganz so abwegig. Wir bestehen aus dem Netzwerk der Menschen um uns herum, aus unseren Beziehungen, in denen wir agieren und existieren. Wir sind das, was andere über uns wissen. Wir sind komplexe Knoten in einem Gewebe von gegenseitigen Informationen.

Informationen spielen eine herausragende Rolle in dem Versuch die Welt um uns herum zu verstehen. Umso wichtiger ist es mit der Flut von Informationen, die uns jeden Tag entgegenschwappen, kritisch umzugehen. Welche Informationen bringen uns weiter, welche schaden uns, welche sollten wir integrieren, welche wegwerfen? Im Zweifelsfall sollten wir unserer Unsicherheit Raum geben. Das hat die Menschheit in der Vergangenheit immer nach vorne gebracht.

 

Julia Kalmund, September 2017

Bei Street Philosophy stellen wir Fragen und geben dem Nicht-Wissen einen Raum. Wir freuen uns, wenn es Sie ermutigt das auch zu tun!

 

 

 

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