Die Iden des März

oder Schuld und Sühne...

Wann und wie lange sind wir Menschen per se überhaupt unschuldig? Laut unserem Rechtssystem sind wir erst ab 14 Jahren strafrechtlich schuldfähig, aber kindliche Grausamkeiten finden sicher schon vorher statt. Die Frage nach Schuld und woran wir wirklich schuld sind, ist kaum zu beantworten. Sie ist sicherlich in der Geschichte und in der Kultur eines Landes eingebettet, sie hängt von der Religionszugehörigkeit, von Dogmen und letztendlich davon ab, was für uns Moral und Nächstenliebe jenseits eines Glaubens bedeuten. In diesem Sinne sollte Schuld aber immer einen Verstoß gegen das Gewissen bedeuten.

Der vierzigtätige Zeitraum vor Ostern ist bei den Christen eine Bußzeit, um Schulden zu begleichen, zu vergeben, genau wie Yom Kippur im Judentum. Im römischen Reich war der 15. März, die Iden des März, die Frist bis wann Schulden bezahlt werden mussten. Später im Christentum konnte man sich von seinen irdischen Schulden durch Ablässe sogar freikaufen, und der Begriff Schuld war immer von Sühne begleitet. Sühnt heute noch jemand?

Gemäß Maimonides “hängt alles davon ab, ob die Verdienste eines Menschen die von ihm begangenen Fehler überwiegen”. Das würde aber ein Aufrechnen “gut gegen böse” bedeuten. Geht das überhaupt? Wir bräuchten dann einen Maßstab, an dem wir unsere Taten, wie auf einer Skala messen könnten.

Wie steht es mit uns, die nicht mehr zwangsweise daran glauben müssen, dass wir durch gutes Benehmen auf Erden einen garantierten Zutritt ins Paradies erwerben? Wo stehen wir im Leben mit Verletzungen, die wir anderen zufügen, groß oder klein, gewollt oder aus Unachtsamkeit? Was ist mit denen, die unter einem fadenscheinigen Mantel der Legalität betrügen, erniedrigen und sogar morden? Was ist mit dem “Recht des Stärkeren”, ob auf dem Schulhof oder in den Betrieben, das oft unbestraft tyrannisieren und ausgrenzen lässt? Was mit den psychologischen Mitteln, die subtil das Selbstwertgefühl von Mitmenschen untergräbt? Was mit den sozialen Medien, die es ermöglichen durch Bloßstellung Menschen in den Selbstmord zu treiben? Wo machen wir die Schuldigen dingfest?

Wer ist schuld, wenn nichtdemokratische Parteien in einer Demokratie mitwirken dürfen, und man in 2018 zusehen muss, dass Parolen der Nazizeit wiederaufgenommen werden? Laden Politiker und Unternehmen nicht Schuld auf sich, während sie im Namen realpolitischer oder wirtschaftlicher Interessen bewusst mit ihren Entscheidungen echte Nachteile für Bürger oder Mitarbeiter in Kauf nehmen? Ziehen hier Wähler und Aktionäre die “Schuldigen” zur Verantwortung oder bringen sie zur Raison? Wenn nicht, laden sich dabei Wähler und Aktionäre nicht auch Schuld auf?

Wir müssen achtsam sein, und Kindern auch beibringen achtsam zu sein. Wir alle müssen Achtung haben für andere Lebewesen, für die Umwelt. Wir sollten darauf achten, was wir sagen, und unsere Worte mit Bedacht wählen. Wo es aber in der langen Geschichte der Menschheit Schuld gab, gab es auch immer Versöhnung und Vergebung. Wenn wir darüber nachdenken, was wir im täglichen Leben, nicht immer gewollt aber nichtdestotrotz falsch machen, wo wir Grenzen der Nächstenliebe überschreiten, dann können wir uns korrigieren, und um Entschuldigung bitten, etwas wiedergutmachen, die Hand reichen und über eine Lösung oder eine Annäherung nachdenken, um diese dann auch in die Tat umzusetzen.

 

Julia Kalmund, März 2018

Für die Römer war der 15. März die Frist bis wann alte Schulden beglichen werden müssen. Ab dem Jahre 44 vor unserer Zeitrechnung ging das Datum insofern in die Geschichte ein, da Julius Cäsar an diesem Tag im Senat in Rom ermordet wurde.

Die Römer haben vielleicht mehr zur Jurisprudenz beigetragen als zur Philosophie, doch auch im römischen Kaiserreich gab es Philosophen deren Gedanken uns bis heute reich beschenken und uns im Alltag begleiten: Cicero, Seneca, Epictetus, Mark Aurel und Plotinus um nur die bekanntesten zu nennen.

Mark Aurel schrieb: “… der Körper und seine Teile sind wie ein Fluss, die Seele ein diffuser Traum, das Leben besteht aus Krieg und fernen Reisen, ewiger Ruhm endet in Vergessenheit. Was kann uns dann den Weg weisen? Nur die Philosophie. Das heißt aber, dass wir unsere innere Macht vor Angriffen schützen müssen, wir dürfen Willkür nie walten lassen, unehrlich sein, und uns verstellen…”

 

Verpassen Sie nicht unseren Blogbeitrag Macht der Vergebung und das dazugehörige Video.
Sehenswert!

 

 

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