Geschmack

- lässt sich darüber streiten?

Street Philosophy bietet Einsichten zu Kunst. Zur Vertiefung bieten wir Führungen und Workshops. Wenn man über Kunst nachdenkt oder spricht, kann man sich selbst nicht aus dem Bild nehmen, und deshalb geht es nicht nur um das Objekt, das man betrachtet, es geht immer auch um den eigenen Geschmack.

Wenn es darum geht über den Geschmack von anderen zu reden, dann versuchen wir uns in unseren guten Momenten zurückzuhalten, und nicht gedanklich mit der Nase zu rümpfen. Jeder von uns lebt in der eigenen ästhetischen Welt; jeder von uns kann aus einer ganzen Brandbreite von Möglichkeiten eine Auswahl treffen, die die eigenen Sinne anregt, und im besten Falle die Seele zum Schwingen bringt.

Geschmack ist in der Tat etwas sehr Persönliches, der aus unserer Identität und unserer Wertevorstellung entsteht. Unsere Wertevorstellungen, sprich unsere Moral, teilen wir aber mit der Gesellschaft in der wir leben. In deren Rahmen urteilen wir sehr wohl, auch wenn es um Ästhetik geht.

Wir können uns nicht ganz abgrenzen von der Wirkung, die ausgeht von Objekten, Gebäuden, lauter Musik z.B., wenn sie aus der Privatsphäre in den öffentlichen Raum übergehen. Unser Gefühl für Schönheit hofft auf einen Konsens, der unser Miteinander angenehm gestaltet. Daher auch die städtebaulichen Richtlinien, die es zum Teil schon im 15. Jahrhundert gab. Man denke an Haussmann in Paris, der als Stadtplaner durch die strenge Einhaltung von Richtlinien ein harmonisches Stadtbild schuf, das heute noch seine Gültigkeit hat.

Am meisten erlauben wir uns den Geschmack anderer zu kommentieren und zu kritisieren, was die Bekleidung angeht. Wir kleiden uns konform oder provokant, wir drücken über das, was wir tragen, unseren Status, unseren Beruf, die Zugehörigkeit zu Gruppen und Randgruppen, oder den Wunsch anders zu sein, aus. Wir senden Signale über unsere Identität und auch über die Werte, die wir leben.

Unser Geschmack ist nicht genetisch vorprogrammiert. Zum Glück können wir ihn ändern. Wir wachsen aus manchen „Trends“ heraus, um wiederum einer neuen Bewegung zu verfallen. Wir sammeln Antikes, weil wir an einen geschichtlichen Wert glauben, um ein paar Jahre später die Objekte auf dem Trödelmarkt zu verhökern. Wir überzeugen uns oft, und immer wieder aufs Neue in unserem Leben, dass wir diese oder jene Vorliebe haben. Allerdings werden wir sanft in eine Geschmacksrichtung geschubst, weil gerade diese allseits gepriesen wird, und „hip“ erscheint. Oder wir lehnen Sachen ab, weil wir alles anders machen wollen, als unsere Eltern, oder weil wir die Teenager als „neben der Spur“ einordnen.

Ein menschliches Leben ist eine Aneinanderreihung von neuen „Ichs“, die aus Erfahrungen, Lernprozessen und kulturellen Einflüssen entstehen. Es wäre bedenklich, wenn unser Geschmack am Rande der verschiedenen Lebensphasen, und außerhalb der Kultur in der wir leben, immer gleich bliebe. Wir wachsen und entwickeln uns ständig und mit unseren veränderten Perspektiven, ändert sich oft auch unser Geschmack.

Diese Sichtweise führt dazu, dass man Schönheit und das, was wir schön finden, nur schwer objektiven, universellen Kriterien unterwerfen kann. Es genügt, wenn wir für uns erspüren können, was für uns schön erscheint. Die Unsicherheit aber auch die Flexibilität sind Bestandteile unserer Freiheit.

Schon Immanuel Kant sagte: „Über Geschmack lässt sich nicht disputieren.“ Schönheit ist und bleibt im Auge des Betrachters.

 

 

Julia Kalmund, Dezember 2017

Lesen Sie gleich den zweiten Teil dieser Gedanken, zum Thema „Kitsch“, und unbedingt danach noch die Antithese von meiner Tochter in ihrem Beitrag „Schönheit“.

Wir arbeiten intensiv an einem spannenden Programm für Sie in 2018 – auch wieder in der Kombination aus Kunst und Philosophie. Ab Januar 2018 ist unser Veranstaltungskalender dann online.

 

 

Pic by @shesnorookie