Ariadne von Schirach

“LOB DER BÜCHER –
WARUM BILDUNG GLÜCKLICH MACHT”

 

In einer Zeit, die viele von uns als hektisch, entfremdet und oberflächlich empfinden, sind Bücher eine Oase der Ruhe und Besinnung. Doch Lesen ist viel mehr als gelungener Konsum.

Descartes irrte: Nicht weil wir denken, sind wir, sondern weil wir sind, können wir auch denken. Und uns in die Daseinserfahrung anderer Menschen hineinversetzen, weil wir uns vorstellen können, wie wir uns selbst in einer ähnlichen Situation gefühlt hätten.

Wer einmal mit Anthony Burgess’ homosexuellem Helden aus dem “Fürsten der Phantome” durchs 20.Jahrhundert eilte, Lin Yutangs eigenwillige Heldin Mulan durch “Peking” begleitete oder mit Langston Huges’ “Not without Laughter” den Alltag einer ganz und gar nicht typischen afroamerikanischen Familie miterlebte, gewinnt Respekt und Achtung vor anderen Formen des Lebens und Begehrens. Mehr noch, man liebt diese Figuren; sie werden Teil der inneren Familie, Ratgeber, Vertraute, Freunde.

Lesen ist die Heimat der Heimatlosen. Wer liest hat Zugang zu der unerschöpflichen Mannigfaltigkeit unseres Menschseins. Der Lesende öffnet sich für eine Geschichte, die vor ihm begonnen hat und lange nach ihm endet. Von Büchern können wir lernen, was es heißen kann, ein Mensch zu sein, wissen zu wollen, mutig zu sein und zu lieben. Denn wir Menschen sind innen größer als außen.

Bildung ist die Arbeit am eigenen Innenraum; ein Raum, der uns befähigt, mit den Lebenden und den Toten, dem Eigenen und dem Anderen immer wieder in Einklang und Resonanz, Widerspruch und Rhythmus zu treten.

Der Kosmos der Bücher erschafft einen Weltinnenraum, zu dem jeder Mensch aus jeder Kultur Zutritt hat, und zu dem alle Kulturen schon Unvergessliches beigetragen haben. Sich für diese unermesslichen Weiten zu öffnen ist nicht nur ein Allerheilmittel gegen Langeweile, Ignoranz und Einsamkeit, sondern auch ein Garant für inneren Reichtum, der unvergänglicher ist als alles äußere Glück.

Und über den Abgrund aller Zeiten hinweg leuchten die Schätze, die unsere Vorfahren für uns geborgen haben, ermahnt uns Seneca, dass das Leben kurz ist, belehrt uns Epiktet über das Wesen der Freiheit, die nicht in dem liegt, was uns passiert, sondern darin, wie wir damit umgehen. Während Epikur, der Philosoph der Freude, uns daran erinnert, dass der Sinn des Lebens nicht nur darin liegt, es bewusst zu genießen, sondern auch und vor allem entsteht, wenn wir es immer wieder neu miteinander teilen.

 

ARIADNE VON SCHIRACH unterrichtet Philosophie und chinesisches Denken an der Berliner Universität der Künste, der HFBK in Hamburg und der Donau-Universität Krems.
Sie arbeitet als freie Journalistin und Kritikerin und wurde bekannt als Autorin der Sachbuch-Bestseller “Der Tanz um die Lust” und “Du sollst nicht funktionieren. Für eine neue Lebenskunst”.
2016 erschien das psychologische Fachbuch “Ich und Du und Müllers Kuh. Kleine Charakterkunde für alle, die sich und andere besser verstehen wollen”.
Im Frühjahr 2019 erscheint ihr neues philosophisches Sachbuch “Die psychotische Gesellschaft. Wie wir Angst und Ohnmacht überwinden.”

 

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Pic by Rachel Taeubert